<<  zurück zur Auswahl Forschung
KREATIN: Wie wirkt es tatsächlich ?
Was ist Kreatin?
Es handelt sich um eine körpereigene Substanz, die in der Leber aus drei Aminosäuren gebildet wird (wovon eine, Methionin, mit der Nahrung zugeführt werden muss) und in der Muskelzelle einen wichtigen, jedoch nur sehr kleinen Energiespeicher darstellt, der zusammen mit ATP die höchstmögliche Energie- flußrate und damit körperliche Maximalleistungen für einige Sekunden ermöglicht]. Kreatinphosphat wird durch Spaltung zwar schnell verbraucht, aber in der Erholungsphase innerhalb kürzester Zeit (mehrere Sekunden bis wenige Minuten) in Zusammenspiel mit ATP wiederhergestellt (sog. Resynthese von Kreatinphosphat).
Kreatin wird nicht nur in der Leber synthetisiert, sondern auch mit Fleischnahrung vom Organismus aufgenommen. Fünf Gramm Kreatin - die übliche Einzeldosis bei Kreatineinnahme - entspricht dem Gehalt von ca. 1,1 kg rohem Rindfleisch.
Mittels zusätzlicher Kreatineinnahme erhofft man sich eine Zunahme des Kreatinphosphats in der Muskulatur und damit einen größere Kapazität des Energiespeichers für körperliche Maximalleistungen. Wissenschaftlich belegte Daten gibt es noch nicht viele, dafür umso mehr empirische Ergebnisse und vor allem subjektive Erfahrungen, in erster Linie aus dem Bodybuilding, woher sich auch die gängigen Einnahmeschemata ableiten.
Was ist wissenschaftlich belegt?
Hochdosierte orale Kreatinzufuhr (in den publizierten Studien wurden 4 x täglich 5 Gramm - das entspricht dem Kreatingehalt von 4,5 kg rohem Fleisch! - über fünf Tage verabreicht, Gesamtdosis somit 100 Gramm) kann eine individuell unterschiedliche Zunahme des Kreatingehalts der Muskulatur bewirken. Ca. 20% des in die Muskelzellen aufgenommenen Kreatins sind als Kreatinphosphat messbar, nicht aufgenommenes Kreatin wird über die Nieren im Harn ausgeschieden. 
Die kurzfristige, hochdosierte Kreatineinnahme bewirkt jedoch nicht bei allen Menschen eine signifikante Erhöhung des Kreatingehalts der Muskulatur sowie eine Steigerung der Resyntheserate von Kreatinphosphat in der Erholungsphase nach intensivster Muskelarbeit. 
Welche Erkenntnisse und Schluss- folgerungen für die Praxis ergeben sich aus den bisher vorliegenden Forschungsergebnissen?
Es profitieren offensichtlich nur diejenigen Athleten von einer oralen Kreatin- supplementierung, deren Muskulatur noch nicht voll mit Kreatin "gesättigt" ist. 
Tatsache ist, daß schon durch entsprechendes Krafttraining über Vergrößerung des Muskelfaser- querschnittes, sprich Muskelhypertrophie, die verfügbare Menge an Kreatinphosphat gesteigert werden kann. Vereinfacht ausgedrückt: Wer dickere Muskeln hat, hat auch mehr energiereiches Phosphat zur Verfügung, also einen größeren Energiespeicher für Maximalleistungen.
Über eine längerfristige orale Kreatineinnahme liegen noch so gut wie keine verwertbaren Ergebnisse vor. Für Kreatin gilt nämlich dasselbe wie für die Zufuhr anderer körpereigener Substanzen wie z.B. Cortisol, Testosteron usw.: Über einen Rückkopplungsmechanismus kommt es zur Verminderung der körpereigenen Synthese dieser Substanz. Weiters würde eine langfristige Erhöhung der Kreatinkonzentration im Blut zu einer Regulation des Kreatintransports in die Muskelzelle, also zu einer verminderten muskulären Kreatinaufnahme führen.
Im Bodybuilding, das aufgrund empirischer Erfahrungen auch auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle spielt, wird zur Zeit nach folgendem Schema vorgegangen:
Einer fünftägigen "Ladephase" mit relativ hohen Kreatindosen (je nach Körpergewicht täglich 25 bis 30 Gramm und gelegentlich auch mehr, verteilt auf 4 Einzeldosen) folgen fünf Tage mit reduzierter Dosis (etwa zwei Drittel der Ladedosis) und dann eine weitere 
Dosisreduktion auf ca. 10 Gramm (etwa ein Drittel der Ladedosis), eingenommen nur an Trainingstagen, aufgeteilt in zwei Teildosen, wobei die erste ca. 40 Minuten vor dem Training und die zweite unmittelbar danach eingenommen wird. Nach einem Monat wird eine Einnahme- pause für ca. vier Wochen eingelegt, bevor der nächste Zyklus begonnen wird.
Aus physiologischer Sicht scheint solch ein Einnahmemodus zur Vermeidung der oben beschriebenen Regulations- mechanismen durchaus sinnvoll und effektiv zu sein, zumindest sprechen die subjektiven Erfahrungen der Bodybuilder, die sich zum Teil auch objektivieren lassen, dafür: Es kommt beim Training zu einem besseren "Pump", zu einer Zunahme der Maximalkraft und Kraftausdauer durch die Möglichkeit einer höheren Trainingsintensität sowie - im Bodybuilding vorrangig - zu einer Körpergewichtszunahme von ca. 3 bis 4 Kilogramm mit einer gewissen Ver- größerung des Muskelquerschnittes. Diese Gewichtszunahme der "lean body mass" (fettfreie Körpermasse) ist jedoch ausschließlich durch vermehrte Wassereinlagerung in die Muskulatur bedingt und nicht durch eine positive Stickstoffbilanz mit Proteinneusynthese im Sinne einer eigentlichen Hypertrophie. Kreatin ist somit osmotisch wirksam und bewirkt je nach Ausmaß seiner Aufnahme in die Muskelzelle eine individuelle "Schwellung" derselben, die nach außen als Hypertrophie 
Aufgrund der osmotischen Wirksamkeit sollte während einer Kreatin-"Kur" viel getrunken werden - drei bis vier Liter täglich - auch, um Magen-Darm- Beschwerden zu vermeiden. 
Das Kreatinpulver wird bevorzugt in Fruchtsaft aufgelöst, um den Fruchtzucker-induzierten Insulin"peak" auszunutzen und dadurch die Kreatinaufnahme in die Muskelzelle zu steigern. Alternativ dazu kann man natürlich Kreatin auch unmittelbar nach einer kohlenhydrathaltigen Mahlzeit einnehmen. Insulin fördert also nicht nur die Aufnahme von Glucose und Aminosäuren in die Muskelzelle, sondern offensichtlich auch die von Kreatin.
Niemand soll sich einen Kreatinmangel einreden lassen, denn körpereigene Substanzen werden vom gesunden Organismus immer bedarfsgerecht produziert und unterliegen Rückkopplungsmechanismen. Auf die eher nachteilige Auswirkung bei Dauereinnahme wurde bereits eingegangen. Noch hat die wissenschaftliche Forschung über orale Kreatinsupplementierung nicht der Weisheit letzten Schluss erreicht und viele Erkenntnisse beruhen nur auf empirischen und subjektiven Erfahrungen.
Jedes Mittel, das eine Leistungssteigerung verspricht, wird in der Regel ohne kritische Rückfragen auf Sinnhaftigkeit angewendet. Dabei ist es durchaus erlaubt und oft auch zweckmäßig, sich den Placeboeffekt, der immerhin wissenschaftlich bewiesen ist, und auf dem die meisten "Wundermittel" beruhen, zunutze zu machen. Das heißt aber auch, dass er sich nicht zu sehr darauf verlassen soll. 
Die entscheidende Voraussetzung für die individuell bestmögliche Leistungsfähigkeit bleibt - neben den genetischen Anlagen, nach wie vor ein der medizinischen Trainingslehre entsprechendes Training, das sportwissenschaftlich und trainingsmethodisch optimal durchgeführt wird.
Eines steht fest: Ein "Wundermittel" ist Kreatin sicherlich nicht. Es kann Training weder ersetzen noch erleichtern, im Gegenteil, damit kann und muss intensiver trainiert werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen. 

Gekürzte Fassung eines Artikels von 
Dr. Kurt A. Moosburger, 
Internist und Sportarzt, 
Innsbruck, im Februar 1995 
(überarbeitet im Juni 1998) 
Homepage: http://gin.uibk.ac.at/moosburger-ka  

< nach oben